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Gut haben wir darüber geredet…

 

(Versuch einer Typisierung meiner Kursteilnehmer)

 

 

Von Elisabeth Weyermann

Ich war immer eine Art Aussendienstmitarbeiterin. Kursanbieterin. Erfahrungswerte und Angelerntes in harmonischer Kombination wie Kokosmilch und Rande. Gut gewürzt eine köstliche, nährende und belebende Suppe. Eine Erfahrung mehr, die an bereits Erfahrenes anknüpft und so zur Wissensmehrung der Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen beiträgt.

 

Diese Betätigung führt zu angedachten Einleitungen für potenzielle Schreiberzeugnisse, wie der folgenden...

 

 

«Richtig zuhören, auftreten, sprechen, verhandeln: Das ist Kommunikation. Da wir alle wacker kommunizierend durchs Leben schreiten, sehen sich die gut vernetzten Lehrmeister unter uns zunehmend genötigt, zum Thema ein Buch zu verfassen. Mein Geschäftspartner wehrt sich standhaft gegen die kollektive Obsession aller Journalisten und PR- Fachleute, in der Buchhandlung als Kommunikationsautoren aufliegen und im Internet mit der höchsten Zahl Nennungen auffallen zu müssen. An sich bin ich mit meinem Geschäftspartner, der auch mein Ehemann ist, was in diesem Zusammenhang aber keine Rolle spielt, durchaus einverstanden: Ob all der formal eingepaukten Kommunikationsregeln verlernen wir das miteinander reden. Nur – jetzt kommt die Einschränkung – sehe ich die Sache mit dem Buch viel lockerer. Ich habe meine ganze Journalisten-Karriere bei Radio und Fernsehen durchlaufen. Die elektronischen Medien ziehen sonnige Gemüter an, die sich gerne produzieren, mit der Sprache mächtig umgehen, ohne ihr immer mächtig zu sein und Fakten häufig «in etwa» wiedergeben. Sie können sich schlecht vorstellen, lange über Satzwendungen, Struktur und Dynamik eines journalistischen Produktes zu brüten, wie die schreibende Zunft. In diesem Sinn ist denn auch dieser Leitfaden zusammengestellt. Sie finden eine Auswahl aus Hunderten von Seiten, die wir für Medientrainings (CEOs, Verwaltungskader, Verbände und Institutionen) und Ausbildung (Journalisten und Studenten) geschrieben haben Es handelt sich um knapp gefasste authentische Erkenntnisse aus unserer langjährigen Berufserfahrung. Blättern Sie darin, beherzigen Sie Ratschläge, die für Sie «stimmig» sind, verwerfen Sie, was Ihrem Naturell nicht entspricht und flüstern Sie ihre Erkenntnisse dem Kollegen, der Kollegin ins Ohr. Auch sie dürfen profitieren.»

 

Würden Sie diesen Ratgeber lesen? Nein, natürlich nicht. Die Einleitung zur nie realisierten Schreibe entstand vor ein paar Jahren, als die sozialen Medien ihre Tsunami-Macht noch nicht entfaltet hatten, als Journalisten noch recherchierten und nicht moralisierten oder geschenkte Datensätze nach «Skandalen» durchwühlten. Und als «fake news» noch als Lügen bezeichnet wurden. Und als noch klar war, dass «talking heads», die den Zeitgeist repräsentieren, als Symbol für eine «Bewegung» dienen, ein lukratives Business für einen ganzen Tross von Leuten und Organisationen sind.

 

Durch die Fülle der global zugänglichen Informationen werden Menschen immer schneller gleichgeschaltet und damit zu einer gefährlichen Schwarmintelligenz, die anders und frei Denkende ausgrenzt, anprangert, gar unschädlich macht. Eine Heilsromantik vereint Menschenmassen in der ganzen Welt, die sie mit guten Worten und wenig Pragmatik retten wollen.

 

Ohne zu psychologisieren würde ich aber meinen, dass gewisse Menschentypen sich wie Klone in gegebenen Situationen gleich benehmen, sei es gut oder daneben. Was wiederum schwer zu beurteilen ist, weil die Grenzen der allgemein verbindlichen Norm in einer Gesellschaft in Auflösung begriffen oder bereits gänzlich zerflossen sind. Ours is a brave new world.

 

 

 

Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen, denen ich als Kommunikationstrainerin immer wieder begegnet  

 

 

 

Der Hilfsbereite

 

Er bietet sofort freundlich an, Stühle zu verschieben, Blattbogen an die Pinnwand zu heften und ich kann froh sein, dass er mir zum Mittagessen nicht die Tasche ins Restaurant tragen will. In der Regel ist er – fast immer ein Mann – nicht im oberen Leistungsbereich angesiedelt, aber netter, verlässlicher Durchschnitt.

 

Einer, den man der TV-Crew ausliefert, wenn erprobte oder gar charismatische Vertreter des Unternehmens sich vor Angst totstellen. In diesem «Freeze»-Zustand schliessen sie sich ins Büro ein oder geben per Mail eine dringende Verpflichtung auswärts oder einen Rohrleitungsbruch zuhause vor.

 

Auftritt der Hilfsbereite, den ich im Kurs schulen soll. Das Problem ist nicht seine Durchschnittlichkeit, sondern seine Hilfsbereitschaft. Die kann er beim besten Willen auch gegenüber dem Journalisten nicht ablegen. Der will etwas wissen. Also kriegt er Auskunft. Ehrlich und transparent. Das muss er sein. So hat es ihm die Kursleiterin beigebracht. Allerdings gibt er ungefragt auch Auskunft über Dinge, nach denen ihn der Journalist gar nicht gefragt hat. Und Bingo – der Skandal ist da. Das Unternehmen ist im Krisenmodus.

 

Dann darf ich die Krisenkommunikation übernehmen. Zum «wie-kommuniziere-ich-in-der-Krise» - Unterricht ist es dann nämlich zu spät. Es ist recht lukrativ, eine Organisation aus einer Krise zu steuern. Ich mache das gern. Was ich der Auftraggeberin aber tunlichst verschweige ist die Tatsache, dass ein Krisendispositiv nichts taugt. Das Meistern einer Krise hängt nur und ausschliesslich von der Person oder den Personen ab, die damit beauftragt sind. Wehe, wenn der kühle Kopf, die überzeugende Figur in den Ferien ist…

 

Vergessen wir darüber den Hilfsbereiten nicht. Er wächst mir nämlich in fast jedem Kurs ans Herz, weil er immer da ist, wenn ich das passende Kabel nicht finde oder die TV-Fernbedienung vergeblich den Kanal sucht, auf dem wir unsere Stellungnahmen und Interviews visionieren wollen.

 

 

 

Der Buchhalter

 

Radio- und TV – Journalisten müssen eine rasche Auffassungsgabe haben, Ereignisse beobachten, analysieren, einordnen und leicht verständlich vermitteln können. Ein grosses Vokabular, freudvoll und wenn möglich auch präzise eingesetzt, ist gefragt. Und immer auch Improvisationstalent, wenn bei Live-Schaltungen etwas schiefgeht.

 

Ich fühle mich jedes Mal überrumpelt, wenn der Buchhaltertyp im Kurs – auch fast immer ein Mann – nach meinen lockeren Angaben zum Kursprogramm für die Woche einen detaillierten Ablaufplan verlangt, auf dem das Programm Punkt für Punkt aufgelistet ist. Inklusive zeitlicher Angaben.

 

Meine Erklärung dringt gar nicht zu ihm durch. Dass ich nämlich nicht einen Lehrplan mit Zielsetzung für Schülerinnen und Schüler habe, die ihnen ein gutes Zeugnis verspricht, sondern im Kurs die Plattform biete, Sachverhalte einfach und stringent auszudrücken, damit sie von Zuschauern und Zuhörern ohne Weiteres verstanden werden. Also Parallelen ziehen, zu Themen, die gerade im öffentlichen Diskurs sind, in allen Medien Dauerpräsenz haben. Ich liefere konstruktive Kritik, die Leute üben, wir suchen gemeinsam und kreativ nach besseren Ansätzen und Lösungen.

 

Das bringe man einem Buchhalter bei. Sein Feedback zu meinem Kurs wird den Durchschnitt schwer nach unten drücken und es wird zweifellos das Wort «unstrukturiert» enthalten. Das ist klar wie Klossbrühe, wie mein Mann sagen würde, lässt sich aber nicht ändern. Ich will bei meiner Arbeit Spass haben und Freude vermitteln. Den Miesepeter lasse ich aussen vor.

 

 

 

Die Zitronenpresse

 

Ich fordere meine Kursteilnehmenden natürlich auf, jederzeit Verständnisfragen zu stellen. Sobald Radio / TV -Leute Kurse geben, dürfen sie sich keine didaktischen Blössen geben, auch wenn es nicht ihrem Selbstverständnis entspricht, Dozenten zu sein. Obschon sie sich sehr gerne sprechen hören und sehen – aber das ist ein anders Thema.

 

Die Zitronenpresse – häufig eine Frau – macht reichlich Gebrauch vom Angebot, Antworten zu erhalten. Die Fragen gehen weit übers reine Verständnis hinaus. Hier wird von der ersten Minute an massgeschneideter Privatunterricht eingefordert. Sie will mein gesamtes Wissen nach ihren Prioritäten abholen ohne Rücksichtnahme auf die Leute um sie herum. Ich klemme ihre Gier freundlich, aber bestimmt ab. Das ist kein Problem.

 

Schwieriger wird es während der Pausen. Sie opfert sogar ihre Mittagszeit, um mich zu belagern und von den Vorbereitungen für den Nachmittag abzuhalten. Wenn nichts anderes hilft, stelle ich ihr zuckersüss eine Offerte für Einzel - Medientraining vor, drehe ihr den Rücken zu und blättere ostentativ in meinen Notizen.

 

Echt wütend werde ich, wenn ich die Zitronenpresse nach einem Gang auf die Toilette mit Handy bewaffnet vor meinem Kurs- «Drehbuch» finde, das sie Seite für Seite abknipst. Im Ton bleibe ich korrekt, inhaltlich werde ich aber sehr rabiat. Interessanterweise kippt die Zitronenpresse ihre Säure nur selten ins Feedback. Vielleicht hat sie Angst, dass ich sie beim Arbeitgeber verpfeife, dem ihre Eigenschaften wohl auch nicht ganz unbekannt sind.  

 

 

 

Der Frauenhasser

 

Als Kursteilnehmer ist man – überspitzt gesagt – der Leiterin ausgeliefert wie einer Lehrerin. Man hat brav zu lernen, wird laufend qualifiziert, will sich vor den anderen nicht blamieren und verhält sich regressiv, eben wie ein Schulkind, das Bestnoten mit nachhause bringen will.

 

Bei gewissen Kurskonstellationen habe ich allerdings erfahren müssen, dass die Teilnehmenden nicht nur mir «ausgeliefert» sind, sondern dass ich vor Einzelnen ebenso hilflos sein kann wie ein Schulkind.

 

Der Frauenhasser ist zunächst verhaltensunauffällig, eher ruhig, was arrogant wirken kann, aber nicht sein muss. Erstes Anzeichen ist oft ein bestimmter Blick, verächtlich, aber auch taxierend, von oben nach unten gleitend. Anmache kann es nicht sein. Der Mann ist jünger als ich. Verachtung – weshalb? Ich muss mich täuschen. Etwas deutlicher wird die Haltung beim ersten TV-Interview. Im Vorgespräch fragt er mich, weshalb ich mir diesen Job in meinem Alter noch antue.

 

Dem Frauenhasser tut das Abqualifizieren über das Alter gut seitdem ich Kurse gebe. Die erste Begegnung mit diesem Typ Mann hatte ich also mit Mitte vierzig. Noch nicht faltig und klapprig, aber eben älter als er. Meine Beobachtung zeigt, dass er auch auf junge, hübsche Frauen reagiert wie auf ranzige Butter.

 

Es folgen jetzt offen abschätzige Bemerkungen über Frauen im Allgemeinen, wo sich die Gelegenheit ergibt. Knüppeldick kommts dann bei der Gruppenarbeit. Ich halte mich eine Weile bei der einen Gruppe auf, höre zu, gebe den einen oder anderen Input und wechsle dann den Raum. Alles Männer, darunter der Frauenhasser.

 

Er ignoriert mich völlig und sagt in die Runde: «Kennt ihr den schon?» Er erzählt einen Witz von der Sorte, die höchstens bei besoffenen Zuschauern am Schwingerfest denkbar ist. Das Zuhören ist eine Tortur, auch die Männer versinken in Schockstarre. Frau / hässlich / zerstückeln etc. Unsäglich. Wie auf einer Website für Psychopathen. Alle sehen sich an, niemand unterbricht den Mann. Ich weiss, dass es an mir wäre zu handeln. Beim ersten Frauenhasser liess ich den Witz stinkend vorbeiziehen und tat, als sei nichts geschehen. Die Runde nahm das Signal dankbar auf, aber das Restprogramm wurde nur noch automatisch abgespult. Was sich die andere Gruppe, ganz fröhlich und im Schuss, schlicht nicht erklären konnte. «Seltsame Stimmung», schreibt jemand im Feedback.

 

Aus Erfahrung lernt man und kann sich auf den nächsten Fall vorbereiten. Allerdings ganz intensiv und nach dem Schema: Was alles kann er tun / sagen und welche Option habe ich im gegebenen Fall. Und dann für jeden Fall ein Skript vorbereiten. Das Ganze verinnerlichen, speichern und im Ernstfall auf geistigen Knopfdruck rausholen und abspielen.

 

Die anderen Frauenhasser unterbrach ich – nicht immer erst beim Witz aus der Hölle -mit «Stopp. Stehen sie auf, packen sie ihre Sachen und verschwinden sie augenblicklich. Ich übernehme die Verantwortung.»

 

Nie hat mich ein Chef zur Rechenschaft gezogen, weil ich dem Frauenhasser die bezahlte Dienstleistung vorenthalten habe. Der abgehalterte Kursteilnehmer ist wohl bis Feierabend ein Bier trinken gegangen. Mir egal. Ich habe meine Aufgabe erfüllt. Gebe mir gutes Feedback.

 

 

 

Der Besserwisser

 

Wer Kurse für Medienauftritte gibt, gilt als Kommunikationsexperte, der folgerichtig auch als Berater angeheuert wird. Unter Kommunikation lässt sich jede Art von Austausch und Austauschverweigerung subsummieren. Also darf man das Portfolio durchaus um «Teamentwicklung und Führung» erweitern. Weshalb nicht, wenn’s gut ankommt und den Kursbesuchern etwas bringt fürs tägliche Leben.

 

Da heisst es allerdings, mit Kommunikationsmodellen zu operieren, die häufig aus der Sozialpsychologie der 1980er Jahre stammen. Theoretische Modelle bieten fruchtbaren Boden für Besserwisser. Sie meinen das Modell besser oder ein noch Besseres zu kennen und bezichtigen die Kursleitung der Inkompetenz oder zumindest des Tunnelblicks.

 

Zum Sub-Thema «Sitzung und Verhandlung» habe ich für die Kursteilnehmer eines Kunden aus dem Premium Segment die Kreativitätstechnik des Edward De Bono von 1986 bemüht. «Denkhüte» in sechs Farben repräsentieren Rollen, die eine eigene Denkweise, einen anderen Blickwinkel in eine Gruppendiskussion einbringen sollen. Dasselbe Thema wird analytisch, emotional, kritisch, optimistisch, kreativ oder moderierend angegangen. Es hilft dem Choleriker, andere Positionen besser zu verstehen, wenn er in der Diskussion nur analytische Betrachtungen macht.

 

Die eine Gruppe sitzt und verhandelt diskutierend, die andere beobachtet. Nützliche Übung, finden alle und bestehen darauf, jeden Hut einmal zu tragen. De Bono geht in Verlängerung. Macht nichts. Was Freude macht und sofort Erkenntnisse bringt, bleibt besser haften und kann für die nächste Sitzung im Geschäft mehr Effizienz und damit rascheren Erfolg für die gemeinsame «Sache» bringen.

 

Pause. Ich bin ganz zufrieden mit mir. Bis sich der Besserwisser – Mann oder Frau – selbstgefällig vor mir aufpflanzt. «Sie, Frau Weyermann, das war gut. Aber weshalb haben sie nicht das Harvard Prinzip genommen?» Ich erkläre, dass noch Dutzend andere Modelle durch die Management-Literatur geistern und mir farbige Hüte anschaulicher scheinen als die Aufforderung «zwischen Menschen und Problemen zu unterscheiden» - ein Harvard Prinzip unter anderen…

 

Der Besserwisser ist der Meinung, den anderen stünde es zu, auch das Harvard Prinzip zu kennen. Okay, ich werde ihnen empfehlen, sich auf Internet kundig zu machen. Das genügt dem Besserwisser nicht. Kurzpause zu Ende. Ich sage der versammelten Runde, dass die halbstündige Pause heute entfalle, weil Frau X. / Herr X. ihnen gerne das Harvard Prinzip vordozieren möchte. Besserwisser wird niedergeschrien. Die Pause ist wichtiger, die farbigen Hüte reichen fürs Erste. Und ich bin aus dem Schneider.

 

 

 

Der Destruktive

 

Gar nicht gut ist es, die Damen und Herren im Halbrund zu fragen, ob sie den Kurs freiwillig besuchen oder von der Chefetage dazu genötigt wurden. Ich gebe damit dem Destruktiven- in der Regel ein Mann – das Stichwort, sein Tageswerk zu beginnen. Als Abteilungsleiter hätte er im Geschäft wahrlich Besseres zu tun und Anfragen von Journalisten werde er ohnehin nie haben. Hier bin ich noch im sicheren Bereich. Ich argumentiere, dass er mit dem heute Erlernten künftig stringenter und zielorientierter telefonieren und Sitzungen leiten wird. «Zielorientiert» ist für Manager wie ein Hundebisquit. Sie schnappen reflexartig danach, weil sie diese Sprache kennen und sich in deren Untiefen wohlfühlen.

 

Jetzt das entscheidende Moment: Wenn der Destruktive der einzige Genötigte ist, dann nimmt der Kurs seinen lockeren und lehrreichen Verlauf. Wenn sich aber noch ein weiterer oder sogar mehrere Missmutige melden, dann wird es schwieriger. Da ist von Kurs - Überdruss die Rede, vom schönen Wetter, das man in diesem Verlies verpasse, wie übrigens auch das Fussballspiel am Nachmittag. Da kann ich noch auf den Widerspruch hinweisen zwischen unentbehrlich sein und blau machen wollen.

 

Jetzt stellen die Destruktiven generell meine Kompetenz infrage. Wenn ich einbreche und mich rechtfertige oder empöre haben sie gewonnen, können packen und an der Sonne ihr Bierchen trinken. Das Einbrechen beginnt nicht verbal, sondern mit der Mimik, die sich nicht kontrollieren lässt. Wenn ich also hilflos oder gar entsetzt drein gucke, dann nützt auch ein nachgereichter, dezidierter Wortschwall nichts. Ich habe verloren.

 

Zum Glück habe ich den Destruktiven vor langer Zeit als Kursteilnehmerin kennengelernt. Es war in Magglingen. Sonnenschein. Pulverschnee. Der Destruktive wollte Ski fahren. Um jeden Preis. Zu diesem Behufe bezeichnete er die Ausbildung des Kursleiters als nicht «stufengerecht» für ein Topkader wie ihn und manipulierte die ganze Gruppe, sich als ebenso topkadrig überlegen zu fühlen, die Ski zu fassen und sich auf die verschneiten Pisten abzusetzen. Widerwärtig.

 

Deshalb bin ich gut vorbereitet auf den Destruktiven. Wenn er ansetzt zu seiner Kampagne, lasse ich ein fröhliches Lachen in mir aufsteigen und wenn er mit der Keule zum fatalen Schlag ansetzt, sage ich anerkennend und vergnügt: «Tolle Einstimmung auf den heutigen Tag. Nicht einfach sagen, man habe keine Lust, sondern mit guten Argumenten überzeugen, dass der Kurs überflüssig ist. Bravo, Herr X. Jetzt wollen wir sehen, ob die anderen das auch so gut hinkriegen. Das Thema finden Sie auf dem zweiten Blatt in ihren Unterlagen…». Schulmeisterlich, aber wirkungsvoll.

 

 

 

Die Klette

 

Was ich fürchte, ist der leicht glasige, verehrungsvolle Blick eines Fans aus der Teilnehmermitte. Jeder Mensch wird gerne gemocht, aber wenn ich eine Klette rieche – meistens eine Frau, die wesentlich jünger ist als ich – ist es sofort schlimm bestellt um meinen Seelenfrieden. Ich habe acht bis zehn Personen zu bedienen, und zwar zu gleichen Teilen. Die Klette macht mir dies schier unmöglich. Sie haftet sich ab der ersten Pause an meine Fersen, erzählt mir viel Banales aus ihrem ereignislosen Leben und bittet mich um Rat. In allen Bereichen: Ausbildung, Arbeit, Familie, Freizeit, Kleidung und – herrjeh – auch Liebe.

 

Also setzte ich vor versammelter Gemeinde zum wohltemperierten Monolog an: «Ich bitte sie, bei den TV-Interviews und Statements, die wir heute aufnehmen und zusammen visionieren, nur auf die Wirkung zu achten. Wie kommt die Person «rüber»? Wirkt sie auf uns Zuschauer sicher, einnehmend, kompetent? Oder unehrlich, nervös, verlegen, wütend, unter Druck? Was wir bei der Beurteilung nicht tun, ist psychologisieren. Es interessiert uns nicht, aus welchem Grund der Interviewte verlegen ist und rumdruckst. Er tut es und wirkt auf uns unehrlich. Wir glauben ihm nicht. Punkt.»

 

Sollte helfen. Und wenn es das nicht tut, bittet mich die Klette in der nächsten Pause um meine Koordinaten, damit ich auf unbestimmte Zeit ihr Sorgentelefon sein darf. Letzte Möglichkeit: Ich verspreche, ihr die Angaben am Ende des Kurses zu geben und hoffe, nach Dankeschön und Abschiedswinken in die Runde schneller als mein Schatten durch die rettende Ausgangstür entweichen zu können, bevor die Klette meine Schosszipfel zu fassen kriegt.

 

 

 

Und die Kursleiterin

 

Ein guter Kommunikator operiert immer mit Analogien. Das macht die Aussage für jedermann, ungeachtet des Bildungshintergrunds, leicht verständlich. Steht in jedem Lehrbuch.

 

Aber Vorsicht. Sich zuerst kundig machen, wer im Raum ist. «Die Moderatorin X. ist ein lebender Blondinenwitz und dümmer als jeder Müller und Meier im Dschungelcamp.» Schon an sich eine unwürdige Formulierung. Genauso ordinär wie das Ziel meiner Beschimpfung. Wenn ich als Drübereingabe auf der Kursliste Oberst Meier finde und in der ersten Reihe die langhaarige, platinblonde Frau Direktor des Amtes X., dann ist der Kurs gelaufen. Aber nicht für mich.

 

Als TV- Plappertasche (nicht blond, aber in Richtung Witz) bin ich in dieser Beziehung nicht lernfähig. Im Kurs haben wir es gerade von sexueller Belästigung in der Unterhaltungsindustrie (habe wohl irgendwo die Kurve nicht gefunden) und schreiben dies der Abhängigkeit zu, die in dieser engmaschigen Branche entsteht,weil sich alle kennen.

 

Ich sehe die Kurve Richtung Kursziel in einer Analogie und sage: «Das ist wie in der Gemeindepolitik. Man schanzt sich gegenseitig Ämter und Aufträge zu und sorgt dafür, dass missliebige Mitbürger ausgegrenzt und gemobbt werden. Ich wohne in einem kleinen, langweiligen Kaff in der Region X., auch hier sind Intrigen, Belästigungen, Rufmord…». Ein Kursteilnehmer unterbricht mich und will wissen, wo ich denn wohne. Ich benenne das Kaff und auf seinem Gesicht breitet sich Verblüffung, nein, Entsetzen aus. «Dort bin ich aufgewachsen», sagt er fast tonlos «und in dem Fall kennen sie meine Eltern. Die wohnen im Haus 200 Meter unter ihnen.» Wo ist das Mauseloch? Zu klein für meine Scham. Es kommt einem Wunder gleich, dass der Mann mir meinen unsensiblen Misstritt letztlich vergeben hat. Und seine Eltern auch.

 

 

 

Das einmalige Kursereignis – das muss auch sein

 

Es gibt Vorfälle bei Kursen, die sich nur einmal ereignen können. Unikate unter Massenprodukten.

 

Zufälligerweise haben sie sich bei mir alle in einer Kaserne abgespielt, bei Kursen, die via VBS gebucht wurden. Thema: Auftritt am Radio. Statements und Interviews werden den Kursteilnehmenden nur als Aufnahme abgespielt, damit sie den Sprechenden wie die Radiozuhörer nur übers Ohr kennenlernen. Das war in der guten, alten Zeit, bevor irgendwelche Ignoranten auf die Idee kamen, Radio müsse nun auch am TV zu geniessen sein. Da sehen wir nun, wie die schönen Stimmen sich schlecht angezogen und frisiert unter grossen Ohrhörern auf unbequemen Stühlen fläzen und uns melodisch ins Ohr flöten. Der Mythos ist dahin. Mein Radioheld ist dick, hässlich und hat einen Pickel auf der Stirn. Irrtum des 21.Jahrhunderts: Nackt für sexy zu halten. Und gemein gegenüber der Radiostimme, die dort arbeitet, weil sie nicht gesehen und nur gehört werden will. Eine Art kollektive Vertragsverletzung.

 

Der Schwule

 

Wir sind beim Interview zur Person, das ich als porträtierend bezeichne. Der Interviewer tastet sich an die Person heran und versucht, deren Psychogramm für die Zuhörer herauszuschälen. Ich habe aufgeschnappt, dass der junge Mann selbst ernannter Mediensprecher der Schwulen in der Armee ist. Also befrage ich ihn über das Schwulsein in der Armee, sein persönliches Befinden als Schwuler und so fort. Die Aufnahme wird angehört, ich bin recht stolz auf meine einfühlsame Fragetechnik und merke erst spät, dass die Runde schweigt. Ich fordere dazu auf, den Gesamteindruck zu beurteilen. Süffig, spannend, hat der Mann etwas zu sagen?  Aus der zweiten Reihe piepst es zögerlich: « Du…ähhh…bist du…ähhh…». Der Mediensprecher und ich antworten zur gleichen Zeit lachend: «Klar bin ich / ist er schwul!» Ob ich denn das gewusst hätte, will der aus der zweiten Reihe wissen. Ich sage ihm, das sei ja naheliegend. Keiner exponiert sich öffentlich und freiwillig für eine Minderheit, wenn er nicht auch zu der Gruppe gehört. Und wenn er ein Hetero wäre, hätte er mich sicher umgehen korrigiert. Alles was nicht live über den Äther geht, lässt sich schneiden. Und dann hätte die ach so informiert wirkende Moderatorin einfach eine passende Frage eingepflanzt. So geht Radio.

 

Das Interview interessiert jetzt weiter nicht mehr, es erzählt und erzählt der schwule AdA. Das Publikum ist so gebannt von seinen Berichten über Homosexualität in der Schweizer Armee, dass mein Interviewter alle auf eine Runde Kaffee ins nahe gelegen Tea-Room einlädt. Dort geht’s jetzt noch ein bisschen mehr zur Sache. Ganz befreit und motiviert erzählt er detailliert von sexuellen Praktiken unter Schwulen und gibt ungefragt bekannt: «Ich will einen echten Mann im Bett haben, keine Tunte.» Mein Tischnachbar rechts schluckt leer, der links verdrückt mit der Serviette den Nussgipfel und allen steht ins Gesicht geschrieben: «Ich will hier raus. Nichts wie raus.» Aber der grosszügige Gastgeber besteht noch auf einer Viertelstunde Nachschlag. Die ersten werden schon grün im Gesicht.

 

Ich bin die Einzige, die sich rundum amüsiert. Aber ich habe auch etwas Vorsprung auf die Runde. Ich habe in Toronto ein Jahr lang mit einer Gruppe von hysterischen Schwulen gearbeitet und weiss unter anderem verbindlich, dass man sich alle Zähne ziehen sollte, um wirklich guten Oralsex zu haben. Noch genauer will es der geneigte Leser sicher nicht wissen.

 

Der Liebhaber

 

Wir sitzen im vergitterten Kursraum in Sousparterre der Kaserne. Grauer, kühler Morgen. Alle müde vom gestrigen Ausgang. Es knirscht im Getriebe. Motivationstief.

 

Es klopft an der Tür, ich bitte um Eintreten und da steht ein Mann, recht attraktiv, etwas jünger als ich in Uniform. Er wirkt schüchtern und macht den Mund nicht auf. Ich sondere die Floskel «wie kann ich ihnen helfen» ab und er stellt sich als Platzkommandant vor. «Jaaa…», flöte ich ermunternd. «Kennst Du mich nicht…darf ich dich überhaupt duzen?», sagt er. Ich habe Fragezeichen in den Augen. «Ich bin doch der P. von der M-strasse. Du warst meine erste grosse Liebe!»

 

Jetzt kommt aber Leben in die Bude. Wahre Begeisterung. Der Weyermann ihr erster Liebhaber ist aufgetaucht und sie kennt ihn nicht. Oder ist sie seine erste Bettgeschichte. Neugier, Neugier.

 

Und ich habe das seltsame Gefühl, aus einem Rausch oder gar einem Koma zu erwachen, lauter schwarze Flecken im Gedächtnis und von der diffusen Angst erfüllt, frühdement oder schizophren zu sein. Der Mann, dessen erste grosse Liebe ich angeblich war, schaut mich an und sagt: «Also, dann will ich nicht länger stören…». Jetzt sollte ich natürlich aufstehen, mich bei den Kursteilnehmern für einen «kurzen Moment» entschuldigen, rausgehen, die Tür hinter uns schliessen und mit P. die gemeinsame Vergangenheit suchen. Gewissermassen den Fact Check machen. Aber ich klebe sprachlos am Stuhl fest.

 

Da meldet sich der Platzkommandant nochmals: «Ich bin der kleine P. von gegenüber. Du hast mir immer gewinkt, wenn ich auf dem Balkon spielte. Als ich fünf war und du sicher schon doppelt so alt, habe ich meiner Mutter gesagt, ich würde Dich heiraten. Ich habe dich immer geliebt, aber ich war halt hoffnungslos zu jung für dich.»

 

Man könnte die sprichwörtliche Nadel fallen hören. Dann schneuzt sich eine Frau vernehmlich. Dann ein Mann. Rührung wabert durch den Raum wie Zuckerwatte. Ich kämpfe mit den Tränen. P. ist hochrot im Kopf und lässt die Schultern hängen.

 

Jetzt gibt’s nur eines: kommunikativ sackgrob die Stimmung kehren. Ich sage bemüht laut und fröhlich: «Das ist aber schön von dir, P. Ich bin morgen auch noch da. Komm doch gegen 10 Uhr vorbei. Können zusammen ein Café nehmen.»

 

Er schaut mich fast verwirrt an, geht wortlos hinaus und schliesst leise die Tür. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

 

 

 

Und zum Schluss nochmals Sex

 

Konzepte für Krisenkommunikation sind nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind. Von der Meinung weiche ich nicht ab. Schlicht unsinnig ist die Krisenkommunikation mit Szenarien wie Brand im Gotthardtunnel und Armee im subsidiären Einsatz. In unzähligen Rollenspielchen und unter zeitlichem Druck wird die Krise geübt.

 

Unterschieden wird zwischen Krise und Katastrophe. Falls sich ein feuriger Meteor in den Gotthardtunnel geschlängelt hat, ist dies eine Naturkatastrophe. Keiner ist schuld, es sind nur die nötigen Massnahmen zu treffen. Falls diese aber schlecht kommuniziert werden, haben wir die Krise. Um diese geht es, die darf nicht eintreten. Siehe Kommunikations -Lehrbuch. Vielmehr eines von tausenden, die überflüssigerweise den Markt überschwemmen.

 

Das einzig Authentische an diesem Sandkastenspiel ist die zunehmende Hysterie der AdA, die in der sicheren Kaserne kurz vor dem bekömmlichen Mittagessen weit weg vom brandlosen Gotthard natürlich ihr Bestes geben wollen.

 

Eine echte Krise lässt sich ohne finanziellen und zeitlichen Aufwand ganz leicht herbeiführen. Meine Vorgehensweise: Man nehme ein Tabu. Die sind in der heutigen Zeit nur noch schwer herbeizuzaubern.

 

Salär, Vermögen – da outet man sich nicht gerne vor laufender Kamera und potenziellem Millionenpublikum. Aber die meisten Leute kontern recht gut und sagen, dass sie den branchenüblichen Lohn beziehen und noch nicht geerbt haben. Gelassen bleiben in der Krise. Darum geht es.

 

Das einzige, wahre, noch verbleibende Tabu ist Sex. Ich führe als Interviewerin sanft – und mit schmeichelnder Stimme – an die Killerfrage heran. «Sind sie verheiratet, Herr X? Ja? Wie lange denn schon? Ah, zwanzig Jahre? Lieben sie ihre Frau? Ja? Aber die Leidenschaft dürfte nach so langer Ehe doch etwas abgeflacht sein. Wie oft pro Woche haben sie noch Geschlechtsverkehr?»

 

Diese Frage trifft unvorbereitet und vor laufender Kamera einen ganz wunden Nerv. Ich breche als fremde Person auf unverschämte Weise in die Intimsphäre meines Opfers ein. Intimer geht’s nicht. Lieber über die Goldbarren im Schliessfach sprechen. Die Krise ist da. Die Emotionen schlagen hohe Wellen. Es gilt, den Reflex zu unterdrücken, die impertinente Befragerin zu schlagen oder zumindest anzubrüllen, die Adern an Hals und Stirne schwellen an. Wenn sich der Mann in der Hand hat, sagt er mit zornbebender, gepresster Stimme leise: «Das geht sie nichts an.» oder «Das ist privat.» Und wenn er nicht an sich halten kann, dann brüllt er eben.

 

In jedem Fall ist das Resultat am Bildschirm überwältigend. In der bewegten Aufnahme ist jede Regung nicht nur aufgezeichnet, sondern überzeichnet. Und alles lässt sich stop ‘n go bis ins Detail analysieren. Der Mann ist erledigt. Übertragen in eine reale Krise ist der Krisenkommunikator, der sich von Journalisten provozieren lässt, erledigt. Macht nichts, er kann ersetzt werden. Schlimmer ist, dass die Organisation, die er vertritt, einen Reputationsschaden hat, der sich fast nicht mehr beheben lässt. Krise pur.

 

Ich kann beweisen, dass es den Gotthard für die Schulung in Krisenkommunikation nicht braucht. Mit meiner Sex-Befragung. Bei Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern aller Alters- und Berufsgruppen. Ich habe nur eine einzige, souveräne Reaktion erlebt. Ein sehr korpulenter Herr, kurz vor der Pensionierung, etwas asthmatisch hat mich auf meine Frage nach der Geschlechtsverkehr-Frequenz mit seiner Frau nach vierzig Jahren Ehe offen angestrahlt und gesagt: «So oft wie möglich, natürlich!»

 

Das ist herzerwärmend. Der Mann antwortet gelassen, einnehmend und ehrlich und gibt dabei absolut nichts preis. Was «So oft wie möglich» heisst, ist der Interpretation der Zuschauer überlassen. Sie sehen den Mann und ziehen ihre individuellen Schlüsse. Die richtige Antwort werden wir nie kennen, weil so viel Offenheit mir als Journalistin den Wind aus den Segeln nimmt. Nachfragen wäre nur peinlich. Für mich. Nicht für den Interviewten. Der hat die Krise brillant umschifft.