Anatomie der Ratlosigkeit

2007 erschien im NZZ-Verlag das Pamphlet „Anatomie der Ratlosigkeit“ von Prof. Peter Atteslander, dessen Rohfassung von Text & Auftritt vorlektioniert wurde. Das Werk des Anfang 2016 verstorbenen renommierten Schweizer Soziologieprofessors ist ein Muss für alle, die in der Soziologie die Wiege für aufmüpfigen, kritischen Journalismus orten – auch heute noch. Lesen Sie hier das Vorwort.

 

Ratlosigkeit entsteht aus Mangel an Orientierung. Sie führt zu verbreiteter Anomie: für immer mehr Menschen ebenso wie für die grosse Politik versagen bisherige Erfahrungen, Institutionen und ganz alltägliche Verhaltensweisen vor neuen Herausforderungen. Für Regierungen bedeutet das Verlust der Fähigkeit, sozialen Wandel zu steuern. Folge davon ist eine Existenz bedrohende Ratlosigkeit.

 

Welche Leuchttürme gibt es noch? In einer Zeit Satelliten gesteuerter Ortung haben offensichtlich altbewährte Leuchttürme ausgedient. Automatische Zielführung hat uns gleichsam das Suchen abgenommen, und wir stehen kurz vor dem Verlernen des sozialen Kompasses. Es verändert sich beschleunigt das Verhältnis von Wissen zum Nichtwissen. Wir sind gleichzeitig überinformiert und unterorientiert. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Wissen als gesicherter Erkenntnis und medialer Information und deren gesellschaftlicher Wirkung. Immer drängender stellen sich Fragen, was orientierende Kenntnis sein könnte: Welches Wissen eignet sich zu verlässlicher Erklärung gesellschaftlicher Konflikte, zur Regelung praktischer Probleme und welches Wissen führt zur „Erfindung“ neuer Zukünfte in einer globalen Welt steigender Komplexität, zunehmender Polarisierungen aller Art und steigender Hilflosigkeit? Dies wird besonders deutlich im Konflikt zwischen den Kulturen und dem gebetsmühlenartigen Appell zu gegenseitiger Toleranz, wobei meist Toleranz vom jeweils Anderen erwartet wird. Völlig ungelöst und weitgehend unerforscht bleiben Bedingungen und Ursachen für interkulturelles Zusammenleben.

 

In aller Unsicherheit zukünftigen Geschehens ist eines gewiss, nämlich dass nichts in der Welt derart flüssig und weitgehend unkontrolliert raschem Gewinn folgt wie das Kapital. Dagegen steht das Verhaftetsein der Menschen in Traditionen, die Suche nach Sicherheit im ehemals Bewährten. Die Menschen aller Kulturen zeigen in diesem Sinne ein konservatives Sozialverhalten. Von besonderer Bedeutung ist die Wirkungsweise von lokalen Kulturen. Sie prägen Werte und Normen der Menschen, sind Hort ihrer Identität. Sie entscheiden über Annahme oder Ablehnung moderner Technologien und Einstellungen gegenüber der Moderne. Lokale Kulturen sind entscheidend für den Ausgang des globalen Kulturkontaktes. Bevor sich die heillos vernebelte Wertediskussion nicht aufklärt, ist an einen erfolgreichen Dialog nicht zu denken.

 

 

Peter Atteslander

Anatomie der Ratlosigkeit – Kulturkonflikte im Schatten der Globalisierung

2007, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 176 Seiten

ISBN 978-3-03823-316-9